Be excited, be, be excited!

von Khitos

requiemforadream

Es gibt so viel Leid auf der Welt. Eine große schwarze Hand auf den zugefallenen Augen der Erde, erschöpft, resigniert und einsam. Ein Nichts von Bildern vor dem inneren Auge, verpflechtet mit Millionen von Gedanken, bereit, dir dein Leben zu zerstören. Doch ein kleines Licht gibt es aber immer. Ein kleines Licht für jedermann. Sei es eine Person, das Lieblingsgetränk, drei Sekunden Freude versprühende Hoffnung; Dieses Licht, das einen nicht verrückt werden lässt. Oder doch? Millionen Menschen haben Depressionen, bemitleiden sich selbst, sehen das Licht nicht, sehen stattdessen das Falsche, erkennen das Richtige nicht. Verkommen und verlassen gibt es nur wenige Auswege der Seele Minuten der Ruhe zu gönnen. In Requiem For A Dream sind es Drogen, die dafür sorgen. Drogen können alles mögliche sein. Dinge, Gewohnheiten, sogar deine Chipstüte, die du womöglich bei jedem Film in deiner rechten Hand hälst, während die Linke sich schon mit der Colaflasche beschäftigt. Der gelegentliche Genuss ist akzeptabel, die Sucht hingegen, in seiner Konsequenz, niederschlagend.

Requiem For A Dream. Das Team um diesen Film stellt sich nach Ansage des Regisseurs in einem Kreis auf. Darren Aronofsky steht vor seinem zweiten Projekt und will allen zu Beginn der Dreharbeiten gute Worte zusprechen. Noch einmal kurz inne halten und dann kann es losgehen. Den Fernseher ausgestöpselt und auf zum Dealer. Harry (Jared Leto) mag es nicht, dass seine Mutter Sara (Ellyn Burstyn) so viel Fernsehen schaut, so viel Mist es wahrlich zu senden pflegt. Eigentlich eine nette Geste von dem Sohnemann, denkt er doch an das Wohl seiner Mutter. Diese verschanzt sich aber in einen anderen Raum, verängstigt und leicht verwirrt. Sie schaut durchs Schlüsselloch und man folgt ihrem Blick. Es kommt einem so vor, als ob nicht ihr Sohn auf der anderen Seite stünde, sondern ein Dieb, ein mieser Schuft, der an der Türklinke rüttelt, das vermeindliche Opfer um ihren Schatz, den Fernseher, beraubt. Es herrscht eine gedämpfte Stimmung. Während Sara fast unkenntlich etwas zu sagen versucht, bricht Harry aus allen Fugen und kann sich zwischenzeitlich nicht beherrschen. Sein Ziel wird er dennoch erreichen: Der Fernseher muss weg. Er ruft seinen Freund Tyrone (Marlon Wayans) an und schiebt mit ihm den Fernseher bis zu einem Bekannten, der den Fernseher abermals von ihm abkauft, nur, um ihn dann wieder an Sara zu verkaufen, die nicht lange danach vorbeikommen wird. Allein dieses Intro versetzt den Rezipienten in die leicht negativ konnotierte Welt von Requiem For A Dream, sodass man hier schon, nach einiger Information über den Film, ein übles Ende ahnt. Keinen kleinen Anteil daran hat Clint Mansell, der für die Musik im Film zuständig ist. Im Intro bekommt man schon sein unglaubliches Lux Aeterna zu Gehör. Im Verlaufe des Films wird man modifizierte Versionen dessen hören und sich davon fesseln lassen, freiwillig oder nicht.

Doch so schlimm sieht die Welt am Anfang noch gar nicht aus. Harry ist, trotz seiner kleinen Sorgen über seine Mutter, sehr glücklich. Er ist ein kleiner Dealer, der mit Tyrone kleine Mengen kauft, diese streckt und anschließend weiterverkauft. So verdienen sie ihr Geld und können sich nebenbei noch so richtig zudröhnen. Doch lange soll es so nicht weitergehen. Harry hat eine wunderbare Wunschvorstellung, die eigentlich seiner Freundin Marion (Jennifer Connely) gehört. Mit ihr will er, in dem Fall, dass sie genug Geld anhäufen können, einen Laden aufmachen und endlich aufhören mit der ganzen Dealerei: Der ersehnte Ausweg aus dem sprichwörtlichen Teufelskreis. Voraussetzung dafür ist – wie immer – Geld, Geld, Geld. Was wäre die Welt nur ohne Geld? Womöglich ein Stück glücklicher. Jeder Mensch will glücklich sein. Auch Sara. Und was mag einen Fernsehjunkie so richtig glücklich machen? Selbst mal im Fernsehen zu sein! Diese Möglichkeit scheint greifbar nah zu sein, als sie eines Tages einen Anruf erhält, dessen Inhalt einen Fernsehauftritt in ihrer Lieblingssendung beinhaltet. Oh Wunder, was für ein glücklicher Tag – oder doch viel eher: Der Beginn ihres existienzellen Untergangs.

Obwohl Requiem For A Dream nicht einmal die übliche Spielfilmlänge erreicht, kann es binnen dieser Minuten dennoch ein extrem hohes Maß an emotionalem Chaos erreichen, welches sich in den Charakteren und im Zuschauer selbst ausbreitet. Ein komisches Gefühl, ein Unbehagen, das einen erst nach einiger Zeit loslassen wird. Des Weiteren braucht es keine vollen 90 Minuten, um an andere Filme heranzureichen. Die Länge spielt doch – wie häufig behauptet – doch keine Rolle. Als Kompensation hat Requiem For A Dream knapp dreimal so viele Schnitte wie ein normaler Film. Dieser Tatsache wird man sich schnell bewusst, besonders in den Szenen, in denen Harry und Co sich ihre Drogen aufbereiten und injizieren. Die experimentelle Komponente des Films scheint auch hier durch die Benutzung von Zeitraffer durch. Die sogenannte Hip-Hop-Montage, die diese schnelle Schnitte voraussetzt, hält das Tempo zwischenzeitlich hoch und projiziert das Stadium des Berauschens in einer höchst kunstvollen Art. Eine Szene, die mich bisweilen immernoch erstaunt und gleichermaßen beeindruckt, zeigt Harry und Marion, die seitlich nebeneinander liegen und sich anschauen und berühren. Obwohl die beiden tatsächlich sehr nahe sind, gebraucht Aronofsky hier einen splitscreen, das die Trennung technisch festhält. Bis auf den Anfang werden die beiden dann auch nur noch in entgegengesetzter und distanzierter Manier präsentiert, ob auf der Leinwand oder mit dem was sie sagen.

Dass Aronofsky auf der technischen Seite sein Handwerk beherrscht und mit der Geschichte bis ins Detail in Einklang bringt, ist grundlegend klar. Auch die Auswahl der Schauspieler ist gut, aber diskutabel. Ursprünglich sollte Giovanni Ribisi die Rolle des Harry bekommen, was auch ein ansprechendes Bild ergeben hätte, weiß man doch wie Ribisi etwas verrückter oder komischer spielen kann wie in der Serie My Name Is Earl und Friends. Doch das wäre nicht ganz das Wahre gewesen, glaube ich. Etwas zweifelhaft empfinde ich die Besetzung von Marlon Wayans als Tyrone. Er und seine Brüder sind nicht gerade dafür bekannt in den anspruchsvollsten Filmen mitzuwirken. Und da ich ihn bisher nur aus Scary Movie und Senseless kannte, ist mein Zweifel demgegenüber sehr berechtigt, aber – im Nachhinein – unbegründet. Die wohl beste Wahl hat Aronofsky mit Ellen Burstyn getroffen, die zu Anfang die Rolle abgeschlagen, sich jedoch nach Sichtung von Pi, Aronofskys Erstlingswerk, umentschieden hat. Ihr kleiner Monolog am Esstisch über ihr einsames Dasein hat den Kameramann Matthew Libatique so sehr gerührt, dass ihm Tränen kamen und er die Kamera fallen ließ. Ein wunderbarer Monolog, der Burstyns Stärke, die Verzweiflung und ihr Streben nach Anerkennung und Glück, nur zu gut präsentiert.

Requiem For A Dream ist ein intensiver Film, der schmerzt, der einen bannt und zugleich einem einen Spiegel vors Gesicht hält, einen auffordert darüber nachzudenken, was er gerade gesehen und gefühlt hat.  [In Bearbeitung~] Im Hintergrund stets die melancholischen Klänge, umhüllt von Wehmut und Sehnsucht, der Sehnsucht nach dem kleinen Licht.

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