Good Night Benjamin, Good Night Daisy

von Khitos

benjaminbutton

Tick Tack. Tick Tack. Die Zeit vergeht. Mit stringenter Kontinuität verkürzt sich die Lebenszeit eines jeden Menschen. Eine Uhr als Verdeutlichung der verstreichenden Zeit, praktisch der Countdown bis zum Tod, die Verdinglichung des Memento Mori Gedankens. Was wäre aber, wenn die Zeit nun rückwärts verläuft, du nicht alterst, sondern immer jünger wirst?
F. Scott Fitzgerald hat diese faszinierende Vision in einer Kurzgeschichte festgehalten und David Fincher hat versucht dies in Form von The Curious Case of Benjamin Button auf die Leinwand zu zaubern. Dieser Versuch ist leider an der fehlenden Substanz des Films missglückt. Die optisch märchenhafte Aussenfassade ist angenehm anzusehen, das Innenleben hingegen, ja, schlichtweg ohne Lebensgefühl.

Die erste Hälfte von The Curious Case of Benjamin Button ist reines Erzählkino, das belangloser nicht hätte sein können, obwohl die Prämisse doch so viel hergibt. Mit einem kleinen Augenzwinkern wird die Entwicklung von Benjamin (Brad Pitt) erzählt. Man bekommt mit wie er seine aller ersten Schritte macht, naiv, neugierig wie ein Kind ist, neue Dinge kennenlernen will und sogleich seine erste große Liebe erfährt. Und das alles paradoxerweise mit dem Aussehen eines alten Mannes. Diese Konstellation ist schwer handzuhaben und kann schnell sehr merkwürdig wirken, besonders, wenn Benjamin auf seine Liebe, Daisy, trifft, die ja nun noch ein kleines Kind ist. Des Weiteren ist es auch schwer nachzuvollziehen, dass er als Kind sein Aussehen auf Anhieb “nutzt”, um in Bars einen Whiskey zu trinken, auch wenn der Begleiter sein, ihm noch unbekannter, Vater ist.
Die Entwicklung Benjamins ist am Anfang durch die kleinen humorvollen Einlagen noch auszuhalten, wird aber von Jahr zu Jahr, in dem er älter bzw. jünger wird, immer anstrengender. Die Geschichte, die Fincher hier erzählen will, ist langgezogen und unfokussiert. Benjamin erlebt in seinem Leben, vergleichweise wie in Forrest Gump, sehr viel, trifft etliche Menschen, zieht in den Krieg, kehrt zu seiner nichtbiologischen Mutter zurück und trifft letztendlich in der Mitte seines Lebens Daisy wieder. Besonders in der ersten Hälfte wird sehr viel auf die Optik gelegt, aber wenig auf die Entfaltung oder die Ausweitung von Benjamins Innenleben. Man kann sich nur schwer alles aus den Fingern ziehen, was er in den Jahren denken und fühlen muss, wird er doch immer jünger und alle um ihn herum immer älter.
Besonders gestört hat mich die Nebengeschichte mit Elizabeth Abbott (Tilda Swinton), da sie durch die Affaire wenig zur Geschichte beiträgt, und dennoch einen so wichten Eindruck zu erwecken scheint. Im Hinblick auf ihren kleinen Auftritt am Ende des Films wird zwar die Idee des unendlichen Potenzials eines Menschens – dass man alles schaffen kann, wenn man nur will – hervorgehoben, ist letztendlich aber nicht mehr wichtig, obgleich man dies auf die Beziehung zwischen Benjamin und Daisy anwenden könnte.
So verbleiben die Erlebnisse seiner ersten Lebenshälfte nur sehr mühsam im Gedächtnis, sind sie doch zu irrelevant und nicht auf das eigentliche – von mir doch sehr gewünschte – Ziel, seine Gefühlswelt stärker zu beleuchten, gerichtet.

Als er nun in der zweiten Hälfte Daisy wieder trifft kommen die Fragen über die Zukunft endlich auf. Wie können ein Mann und eine Frau zusammen sein, wenn sie entgegengerichtet altern? Ist dies nicht eigentlich stets der Wunsch vieler Liebenden, gemeinsam zu altern und ihre letzten Jahre miteinander zu verbringen? Und wie fühlen sich die beiden dabei? Endlich wird etwas in den Raum geworfen, was doch längst hätte da sein müssen. Und dennoch, immer wieder kommt man nicht wirklich an die Menschen heran. Die Liebesgeschichte, die nun zwischen Benjamin und Daisy erzählt wird, ist mit einer Distanz behaftet, die so groß ist, dass man selbst nicht wirklich mitfühlen kann. Natürlich lebt im Hintergrund stets der melancholische Grundton weiter, der die Vergänglichkeit des Lebens mit sich führt, kann sich aber nicht auf die Menschen selbst ausweiten. Viel zu sehr wird darauf gesetzt, dass man den Grundton als Zuschauer übernimmt und selbst das Drumherum konstruiert. Die ruhige Erzählweise wird dazu noch fälschlich als bedeutend dargestellt, ohne jedoch jemals besonders bedeutend gewesen zu sein. Die fröhliche Zeit, die dem Paar noch gegeben ist, ist im Hinblick auf das Ende dann erneut zu belanglos und stellt deshalb widerum nur weitere Minuten dar, die man im ohnehin langem Benjamin Button, vergeudet hat.

Die wunderbaren Momente kommen nur sehr selten auf. Es sind Momente, in denen man die Endlichkeit spürt, in denen das Magische auch für kurze Zeit wirklich projiziert wird. Die Szene, die mir noch am längsten im Gedächtnis geblieben ist, gehört gleichwohl nicht zu jenen Momenten, viel mehr ist es ein weiterer Beweis dafür, dass die Erzählweise, wie den ganzen Film über, technisch einwandfrei ist. Es ist die Szene kurz vor Daisys Beinverletzung. Es ist die Szene, in der alles gut verlaufen wäre, hätte nur eine Person im gegebenen, kleinen Universum anders gehandelt. Ein bisschen Chaostheorie, das die Verbindung aller Wesen auf der Welt verdeutlicht und, das jedes Handeln bedeutsam macht.

The Curious Case of Benjamin Button hat trotz der vielen allgemeinen, im Hintergrund stehenden Aussagen über das Leben, den Tod und die Verbindung derer in den vielen Minuten nicht die Zeit gefunden tiefer zu gehen, den Grundton weiter zu führen und nicht nur anzusetzen; die Menschen, besonders Benjamin, näher zu beleuchten und nicht nur auf der Oberfläche zu verbleiben. Zum Schluss wird man dann alleingelassen, so wie es jeder Mensch an seinem Lebensende widerfahren wird. Gleichzeitig hegt man einen kleinen Wunsch doch noch etwas zu bekommen, und sei es die verlorene Zeit.

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