The Indian Dream

slumdogmillionaire

Wenn man sich die deutsche Fernsehlandschaft anschaut könnte man aus dem Zapp-Tourwagen nur noch kotzen. Es gibt so wenig interessantes, dass man sich ernsthaft anschauen könnte. Natürlich spielt der Geschmack eine Rolle, natürlich kann man sein Niveau herunterschrauben und Frauentausch gucken, sich von hirnlosen Realityklamauk berieseln lassen, das ist kein Problem. Aber ansonsten hat das deutsche Fernsehen einfach nichts zu bieten, von der zigsten Staffel Big Brother zu weiteren geklauten Shows, die einfach nicht fruchten wollen. Doch es gibt sie, die paar Shows, bei denen man zwar nicht sehnsüchtig auf die nächste Ausstrahlung wartet, aber sie ab und zu ernsthaft anschauen kann. Eine davon ist Wer wird Millionär. Es ist eine einfache Show, aber unterhaltsamer als viele andere. 15 Fragen, ein Kandidat, neuerdings bis zu vier Jokern, der schwierige Weg zur Million.

Danny Boyle hat die Erfolgssendung zwar nicht in Deutschland aufgegriffen, aber in einem Land, dessen Filmwirtschaft man aus dem Westen mit hochgezogener Augenbraue hinterherschaut. So bunt, so viel Gesang, so viel Herzschmerz, das andere Hollywood ist einem etwas fremd. Der Einstieg in die andere Welt wird aber mit der Erfolgsshow Wer Wird Millionär erleichtert, denn auch in Bollywood-Indien wird dieses Spielchen gespielt. Es wird dort nicht nur als mögliche Chance an Geld zu kommen angesehen, sondern, um ein richtiges Leben zu führen oder gar zu beginnen, um aus den Slums zu kommen, nach dem amerikanischen Leitspruch from rags to riches; Der indische Traum sozusagen. Slumdog Millionaire befasst sich mit einem dieser Kandidaten: Jamal K. Malik (Dev Patel), ein Slumdog, der kurz vor der Millionenfrage steht und drauf und dran ist das ganze Spiel zu gewinnen. Doch er wird bezichtigt bei den Fragen betrogen zu haben, denn was kann ein Slumdog denn schon wissen? Im Polizeiverhör muss er darlegen, wie er zu seinem Wissen gelang. In Flashbacks erfährt man von Jamals früheren Lebensabschnitten und wie er zu dem heutigen Tag gekommen ist. Zu Anfang noch belächelt bekommt Jamals Geschichte tragische Akzente, viel Herzschmerz, Narben – psychisch wie physisch – und die Hoffnung doch noch alles zu erreichen, was er sich vorgenommen hat, für sich und für seine große Liebe Latika (Freida Pinto).

Slumdog Millionaire ist – wie erwähnt – im Grunde genommen ein Traum, der Traum von Jamal, der ab und an einem Albtraum ähnelt, aber wie vorherzusehen in einem Happy End enden wird. Jamals Leben ist geprägt von ein paar Höhen und jeder Menge Tiefen, die ihm bei der Quizshow nun zum Erfolg verhelfen. Doch das Geld interessiert ihn eigentlich nicht. Er will Latikas Aufmerksamkeit erregen und sie von seinem Vorhaben überzeugen, denn diese lebt schon wieder in einer ganz anderen Welt als seine. Die Liebesgeschichte  hat schon in Jamals Kindheitstagen begonnen und bekommt im letzten Drittel ihren nötigen Platz und wird bis zum Finale ein Wettlauf für Jamal, eine Sensation für die indischen Zuschauer, eine Erlösung der zuvor erleideten Qualen. Diese hat Jamal in seinem noch ziemlich jungen Leben genug erleiden müssen.
Das ereignisvolle Leben des Jamal K. Malik wird hervorragend inszeniert, vom Kindesalter bishin zum jungen Erwachsenen. Es überzeugen besonders die jüngsten Darsteller in ihrer authentischen – weil echte Slumkinder – Art und stellen sogleich ein kleines Highlight des Films dar. Aber auch so sind die Wechsel zu den verschiedenen Altersstufen gelungen und sind mit passenden Darstellern besetzt worden. Wenn man sich den ältesten Jamal anschaut könnte man  jedoch stutzig werden, vorausgesetzt man kennt die britische Jugendserie Skins, in der Dev Patel einen nicht minder bleibenden Eindruck hinterlässt, jedoch als notgeiler Teenager, angezogen als der diggste Styler in da House. Da kann er sich sehr glücklich schätzen, dass Danny Boyles Tochter Skins kannte und ihn für die Rolle vorschlug.

Des Weiteren wird es mit kontrastreichen Farben und farbenfroher Musik im audiovisuellen Bereich wohl nichts zu bemängeln geben. Der achtfache Oscargewinner kann sich im Hinblick auf die Optik  und den Soundtrack auf die Schulter klopfen. Er bringt gekonnt die bunten, knalligen Farben auf die Leinwand und verprüht auf auditiver Ebene den Flair von Bollywood noch ein Stück weiter. Die einfache Verfolgungsjagd der kleinen Slumkinder zu Beginn der Geschichte wird sogleich ein Spaß, bei dem jeder was zu lachen hat.
Hier legt Danny Boyle nicht die große Moralkeule auf die Häupter der Zuschauer und lässt sie – fürs erste – nichts von den wahren Problemen in den Slums erhaschen. Natürlich wird einem aber klar was einem hier vorgeworfen wird und, man weiß, dass es in diesen Orten wohl nie so fröhlich zugehen würde. Es kommt darauf an, ob man hier eine realistischere Ansicht bevorzugt hätte oder sich von der Heiterkeit anstecken lässt und mitläuft.
Boyle lässt aber auch den ignorantesten Zuschauer nicht in einer Traumwelt verbleiben, so nimmt er sich die Zeit ein bisschen von der Maschinerie, der Ausbeutung der Kinder auf den Straßen zu zeigen, beleuchtet auch die unschönen Seiten, die man keinem dieser Kinder wünscht, und zeigt die kriminellen Machenschaften auf, die sich in den Straßen abspielen. Dieser Teil wird im Zuge des Films in den Hintergrund gerückt, kann aber auch so noch genug Aufsehen erregen, erfüllt somit seine Aufgabe und macht dann schließlich wieder Platz für den Traum, den es weiter zu träumen gilt.

Am Ende fragt man sich wohl wirklich, wie denn Jamal so viel Wissen erlangen konnte. Er hat tatsächlich viel erleben müssen, um genau da zu sein wo er nun steht, jedoch ist dieses Leben sehr konstruiert gewesen, maßgeschneidert auf die 15 Fragen im Spiel um die Millionen. Wenn man dem Film diese kleine Sache noch verzeihen kann wird man mit einem Lächeln dastehen sobald der Abspann beginnt. Slumdog Millionaire ist zwar wirklich ein konstruierter, sogar ein klischeebeladener, dafür aber ein schöner Traum.

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2 Antworten zu The Indian Dream

  1. Mario Kaufmann

    Diesen Film und diese Kritik finde ich grauenhaft!!! Ich denke Kritiker die nicht kritisieren können so wie Sie sollten keine Kritik abgeben oder nicht mal dran denken.

    Mfg Mario

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