There Will Be Tears

von Khitos

rgm

Familie. Der sichere Weg ins Chaos,  das Armageddon für die Psyche, das Ragnarök der zerbrechlichen Seele. In einer Familie kann alles passieren. Im besten Fall erfährt man Liebe, Geborgenheit, Zuversicht, Hoffnung, Aufmunterungen, Wärme. Im schlimmsten Fall geschieht etwas, dass das sorgfältig aufgebaute, liebevoll aufgezogene Konstrukt zerstört, es im Kern bricht und verletzt liegen lässt. Es ist schwer diese Wunde zu schließen oder gar zu heilen, gerade in dieser Institution, die wir liebevoll die eigene Familie nennen.

Rachel Getting Married ist ein Familienfilm der anderen Sorte. Eine Hochzeit wird als Chance gesehen eine Familiengeschichte aufzurollen, mental zu verarbeiten, irgendwo eine Lösung für das zu finden über dessen man sich am Anfang nie wirklich zu unterhalten vermochte. Im Zentrum der Geschichte steht Kym (Anne Hathaway), die etwas getan hat, etwas schlimmes. Der Zuschauer weiß aber noch nicht genau was sie angestellt hat. Es betrifft jedenfalls ihre ganze Familie, die ständig um sie herum ist, sie kontrolliert, wissen will, ob die Reha  endlich etwas in ihr bewirkt hat. Es wird eine Hochzeit geben, Kyms Schwester Rachel (Rosemarie DeWitt) ist die glückliche Braut. Die Familie ist unter sich und doch entsteht nie das von jedem gewünschte, wohlige Gefühl der Geborgenheit.

Der Kern- und Angelpunkt ist Kym, das schwarze Schaf  der Familie, etwas verrückt, etwas angespannt und mit der obligatorischen Zigarette ein Gefahr für jedes Lebewesen um sie herum. Aber nicht nur sie wird von der Kamera eingefangen, im Hintergrund spielt sich schließlich eine Hochzeit ab. Zwar wird Anne Hathaways exzellent gemimte Figur größtenteils von ihr fokussiert, jedoch nur dann, wenn es auch wirklich sein muss. Das besondere an dem Film – wenn man diese Kamera denn in der heutigen Zeit als “besonders” bezeichnen kann – ist die Wahl der Heimvideokamera, eine HD Handheldcam, die hier zum Einsatz kommt und wie so oft ein Stückchen mehr Authentizität verleihen kann als die konventionellen Geräte. Am Anfang noch keine außergewöhnliche Wahl, erschließt sich dessen wahres Potenzial im Zuge des Films. Sei es in Blair Witch Project ein Mitglied der Crew, in Cloverfield Hud, der eigentlich nur Marlena anzoomen will, in Rachel Getting Married bist du es, der Zuschauer, der hinter der Kamera steht. Du bist dort und stehst neben Kym, schaust sie an, beobachtest sie, sitzt am Tisch, hörst dir die feierlichen Reden über Braut und Bräutigam an und bist ein Teil der Hochzeit, ein Gast der Familie. Du bist es, der stillschweigend die Gespräche mit anhört und dir dabei deine Gedanken machst. Die Nähe ist unbestreitbar präsent und gibt dir das Gefühl dazuzugehören. Bevor du es merkst wirst du lachen und die Wettkämpfer anfeuern, wenn die Familie unter sich einen Spülmaschinenwettkampf im Einräumen veranstaltet, wirst dich – wie wohl bei jeder Hochzeit – vielleicht sogar ab und zu langweilen, nur, um dann wieder mit den anderen Gästen gedanklich mitzufeiern.

Doch die Kamera ist nur so gut, wie die Menschen davor. Das gute ist, dass der Fokus nie nur auf eine Person gerichtet ist. Die Darsteller sind allesamt sehr gut ausgewählt und bilden ein authentisches Ensemble. Es wird halt nicht gespielt, es wird gelebt. Genau das merkt man auch im Drehbuch von Jenny Lumet, deren 5.  Drehbuch Versuch endlich verfilmt worden ist. Es wird nicht dramaturgisch auf den großen Twist hinausgearbeitet, viel mehr weiß man am Anfang einfach noch fast nichts von dem eigentlichen Problem der Familie. Mit einiger Zeit erfährt man durch die Gespräche was wirklich geschehen ist. Es wird einem nicht aufgedrückt, sondern langsam, ganz sachte beigebracht. Lumet nimmt dich an der Hand und führt dich an dein Ziel. Doch eigentlich ist es kein Ziel, das einem am Ende des Films begegnet: Ein kleines offenes Ende, was den einen oder anderen sicherlich nicht gefallen wird. Aber so ist das Leben, es gibt halt nicht immer eine Lösung.

Zum Ende hin zieht sich der Film ein kleines bisschen. Ein Musikstück nach dem anderen wird gespielt, man ist etwas genervt, will das es endlich aufhört, doch am Ende, da tanzt man doch mit. Rachel Getting Married hätte sicherlich schon eher seinen Schluss finden können, findet es aber nicht. Es wird unaufhörlich weiter gedreht, was man dem Film aber sicherlich verzeihen wird. Denn nicht nur das Ende ist hervorragend, sondern der ganze Film, dessen emotionale Herangehensweise schon lange nicht mehr versucht worden ist.
Wenn Watchmen den besten Vorspann gehabt hat, dann hat Rachel Getting Married den besten Abspann dieses Jahres. Man blickt mit Rachel auf die Musikanten, auf ihren frischgebackenen Ehemann, auf die Wiese, auf die Bäume, die mit Blumen verzierte Säule, ganz ruhig und ganz entspannt. Im Hintergrund die melancholischen Geigenklänge, die begleitende Akkustikgitarre, die bezaubernde Einleitung ins Schwarze.

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