Der perfekte Schwan

von Khitos

Darren Aronofsky hat es wahrlich nicht leicht. In dem SPIEGEL-Interview verlautet er, dass er einfach nur einen unterhaltsamen Film auf die Leinwand bringen will, ihm sei das Lob, der Film habe Spaß gemacht, sehr viel wert. So naiv und unschuldig dieses Vorhaben auch sein mag, viele Stimmen wehren sich dagegen, sehen in seinen Bilder viel mehr, sehr viel mehr, besonders Negatives, Worte wie ‘prätentiös’ fallen und wie man regelrecht erkennt: Aronofsky hat nicht nur Fans, sondern auch viele Feinde. Ich stehe diesem Regisseur ziemlich ambivalent gegenüber, hat er doch nicht immer die beste Leistung erbracht und verliert er sich doch so oft in seinem Handwerk und vergisst dabei die Seele des Films (siehe The Fountain). Black Swan, nun Aronofskys fünfter Film, vermag es widerum nicht zu verzaubern, auch wenn er geradezu danach aus ist, denn so offensichtlich wie seine Bilder, so offensichtlich ist auch die Intention dahinter. Man sieht die Ambitionen, den Willen einen unterhaltsamen, zugleich aber auch einen ‘anderen’ Film auf die Leinwand zu zaubern, der widerum die Zuschauer verzaubern soll, mit viel Hochglanzoptik und toller Kamera. Wie schon gesagt, Aronofsky hat es nicht leicht, aber das hat er auch teilweise selbst zu verschulden.

Nach The Wrestler kommt der konsequente Nachfolger, nun nicht im Ring, sondern auf der Ballettbühne, das Gegenteil zum Hinterhofwrestling des Randy ‘The Ram’. Nicht nur in seiner Thematik ähnelt Black Swan The Wrestler, auch die Inszenierung durch die Handheldkamera wird als natürlicher Nachfolger weiter geführt und bravourös auf die Bühne gestellt, den Tänzern immer auf den Versen und mitten im Geschehen. Visuell kann man wenig beanstanden. Aronofsky weiß sein Handwerk und das sieht man. Nicht alle Szenen sind so überzeugend, wie es sicherlich geplant gewesen ist, aber rundum gelungen. Besonders gegen Ende von Black Swan zeigen sich erst die zwei besten Szenen, die die Wirkung der Bilder erst richtig zum Ausdruck bringen können. Zunächst die imposante Metamorphose in den schwarzen Schwan auf der Bühne und der letzte Fadeout des Films ins weiße Nichts. Genau diese beiden Szenen werden mir noch länger im Gedächtnis bleiben, der Rest eher weniger. Das sind die wenigen Szenen, die etwas vom Film zeigen, was er fast die ganze Zeit über nicht zeigt: Transzendenz. Es ist ironisch, dass gerade ein Film, der so auf Perfektion getrimmt ist, seine Figuren selbst über die Imperfektion von Perfektion sprechen lässt gerade seinen eigenen Fehler begeht. Es mag sein, dass manche meinen könnten der Film sei audiovisuell perfekt. Es kann sein und ist wahrscheinlich auch so, dass Natalie Portman gerade hier ihre beste schauspielerische Leistung ablegt. Es kann sein, dass Black Swan Aronofskys handwerkliches Meisterstück ist. Das alles ist aber unnütz, wenn der Film sich nicht – wie sagt es Thomas (Vincent Cassel) so schön – gehen lassen kann. Black Swan ist fest gemeißelt, es lässt sich nichts rütteln, dieser Film ist Horror-Psycho-Thriller. Aronofskys Ambitionen in allen Ehren, wenn man sich so verbeißt den Zuschauer einen unterhaltsamen Film bieten zu wollen, dann übersieht man womöglich oft selbst, dass man seine Charaktere ziemlich vernachlässigt. Vieles an Black Swan bleibt auf der Oberfläche, als fesselnder Psychothriller geht er leider nicht tief genug in die Psyche von Nina. Zwar hat sie ihre Szenen, in denen sie kämpft, aber diese sind widerum oft nur da, um die Ekelszenen in Szene zu setzen. Sie schreit, verzerrt ihr Gesicht vor Ekel, aber was wirklich in ihr vorgeht, das bleibt verborgen.

Anders der Verlauf der Geschichte. Es wird einem schnell klar, was passieren wird. Der Film ist vorhersehbar und in seiner Inszenierung – besonders in den Horrorelementen – sogar ziemlich plump geraten. Es sind Schockeffekte aus normalen Horrorfilmen, mit denen sich Aronofsky hier bedient. Ich habe mehr erwartet als diese üblichen Aufbauelemente. Zwar hat er schöne, kleine Details in den Hintergrund gesteckt, diese können jedoch nicht weiter hinausreichen als die Wirkung einer kleiner Spielerei. Es gibt nur wenige Szenen, die wirklich herausstechen oder gar überraschen können. Die Vorbereitungen für die Schockszenen sind so offensichtlich vorbereitet, dass einen langweilig wird auf gerade diese warten zu müssen.

Die ganze Laufzeit über entwickelt sich wenig. Wenig Spannung, wenig Tiefe, wenig Transzendenz. Schade, wirklich schade. Ich war ziemlich unbeeindruckt. Schöne Bilder, ja, plakativ, aber schön, ja. Lesbenszene, ja, super. Mindfuck? Nein. Subtilität? Nein. Black Swan ist nur ein etwas überdurchschnittlicher Film, der im Hinblick auf den ambitionierten Regisseur eine klare Enttäuschung darstellt. Ich musste bis zu den letzten Minuten warten, um endlich etwas zu spüren, was nicht von vornherein festgeschrieben war. Bis dahin hat Aronofsky sein Vorhaben, einen unterhaltsamen Film zu schaffen, stellenweise dennoch erfüllen können, aber so lange möchte ich nächstes Mal nicht warten müssen.

__________[ 5,5/10 ]__________

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