The Wire – Season 1

von Khitos

Es gab immer zwei Serien, die ständig ganz oben in den Bestenlisten der TV-Dekade oder generell der besten TV-Serien auftraten. Zum einen The Sopranos und zum anderen The Wire. Für beide Serien gibt es Anhänger, die meinen “ihre” Serie sei die beste, die es gibt. Bei The Sopranos kann ich schonmal sagen, dass das dort – jedenfalls für mich persönlich – nicht zutrifft. Die ganze Mafiageschichte ist nicht so mein Ding und wurd schon in der ersten Staffel der Sopranos ziemlich langweilig. The Wire dagegen blieb ein großes Mysterium für mich, das ich ungern antasten wollte, damit mein Bild dieser Serie nicht auch noch zerbrechen sollte. EMPIRE hat diese Serie als The Greatest TV Show Ever™ bezeichnet und ich musste dann doch herausfinden, ob das auch tatsächlich stimmt. Und nun hab ich mich endlich getraut. Die erste Staffel ist durch und ich kann durchaus verstehen, warum gerade The Wire diesen hochrangigen Titel unter all den Serien bekommen hat.

The Wire ist nämlich schon mit seiner Erzählweise quasi alleinstehend in der TV-Landschaft. In der ersten Staffel gibt es 13 Episoden, keine darf man verpassen oder in allzugroßen Zeitabständen ansehen. Die Staffel – und die weiteren vermutlich – sind als Gesamtwerk zu betrachten, eine ganz große Geschichte, die nicht in jeder Episode einen künstlich hervorgerufenen Höhepunkt findet, sondern durch authentische Charaktere und zusammenfließende, exzellente Erzählweise etwas erreicht, dass vielen Serien einfach nicht gelingt zu erreichen: Tiefe. Tiefe in jedem einzelnen Charakter und Tiefe in ihrem Zusammenspiel. Wenn man dann noch vermag sich für das Drogenmilieu in Baltimore und dessen Bekämpfung zu interessieren, dann ist die erste Staffel The Wire eine Erfahrung, die man heutzutage selten zu sehen bekommt.

Erst musste ich mich an diese Art der Erzählung gewöhnen, deshalb hat es bei mir auch erst knapp bei der Hälfte gefunkt. Ab Episode 6 herrscht inhaltlich und emotional einfach nur Chaos, gut organisiertes Chaos versteht sich. Es geht nämlich nicht nur um die Polizisten, die die Drogengeschäfte stoppen wollen, es geht auch um die Drogendealer selbst, vom Chef bis zum kleinen Fisch auf den Straßen, welche meistens noch minderjährig sind. Auf der anderen Seite werden auch die Chefs der Chefs im Polizeipräsidium erwähnt, von den unterschiedlichen Zuständigkeitsbereichen in den verranzten Büros bis hin zum verdeckten Ermittler und V-Person auf der Straße. Es wird wirklich keine Figur vernachlässigt, jeder bekommt seine Zeit sich zu entfalten und einen wahren Charakter zu entwickeln. Es sind echte, glaubhafte Menschen, portraitiert von bodenständigen Schauspielern, die durchweg überzeugen können. Besonders die Sympathie eines Kriminellen ist schon lange nicht mehr neu, jedoch hat The Wire mit Omar (Michael K. Williams) einen Charakter der ganz besonderen Sorte. Er ist wohl der brutalste Kerl in den Projects von Baltimore, zeitgleich aber eine so extrem zerbrechliche Gestalt, die sehr viel erleiden muss. Es ist mit Abstand die interessanteste Figur für mich und auch der Grund, dass ab Episode 6 die Serie endlich auch für mich vollständig funktionierte. Die erste Staffel hat mir sehr gefallen, es ist zwar keine Serie, die man einfach so nebenbei anschauen kann, aber dafür bekommt man auch etwas im Gegenzug, wenn man sich auf sie einlässt. Man muss schon etwas Zeit investieren, um der Serie ihre Chance zu geben, aber diese nutzt sie dann auch.

Wie man bemerkt bin ich eher auf die formale Seite dieser Staffel eingegangen, wobei mir eigentlich nur deutlich wurde, dass ich einfach so eine Art von Serie lange nicht mehr gesehen habe. Inhaltlich ist die erzählte Geschichte spannend, faszinierend und die Charaktere natürlich wunderbar miteinander verstrickt, doch deren einzelne Charakterentwicklungen sind in ihrer Gesamtschau mir zu weitgefächert, als dass ich es zufriedenstellend darstellen könnte (empfehlenswert deswegen: Flo_Liebs Rezension der ersten Staffel). Ich kann lediglich sagen, dass wirklich viel in jeder der insgesamt 13 Stunden geschieht und ich wenigstens etwas über diese Staffel schreiben wollte. Schon lange gab es keine Serie für mich, in die ich auch gefühlsmäßig etwas investieren konnte, und das ist schon was ganz besonderes. Ich bin mir sicher, dass man bei erneuten Sichtungen dieser Staffel noch mehr herausholen kann, bis dahin bleibt “The Greatest TV Show Ever™” aber noch auf dem Boden. Spätenstens nach den vier weiteren Staffeln kann man EMPIRE aber sicherlich eher zustimmen.

__________[ 8/10 ]__________

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