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Unlock The „Mystery“

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Es ist nicht immer einfach zu bestimmen, ob ein Mensch schuldhaft gehandelt hat oder nicht. Die meisten werden es mit sozialethischen Wertenormen entscheiden und sich darauf in Alltagssituationen verlassen können. Wenn es sich jedoch um wichtigere Schuldfragen handelt, dann benötigt man eine differenziertere Sicht, schließlich ist nicht jeder ein kleines Kind, das nur einen Lolli im Supermarkt klaut. In der deutschen Jurisprudenz unterscheidet man zwischen Unrecht und Schuld. Wer die Rechtsordnung bricht handelt offensichtlich mit Unrecht. Schuldhaft hingegen handelt eine Person erst, wenn diese das Unrecht erkennt und dennoch handelt. Dort wo es immernoch heikel wird sind die Fälle, in denen sehr viele Menschen betroffen sind. Noch schwieriger wird es, wenn der Fall Jahre zurück liegt und man sich in diese Zeit zurückversetzen muss, da es in Deutschland verboten ist Gesetze von Heute auf Gestern anzuwenden. Da es schließlich um deutsche Verbrechen geht sind die Taten im Dritten Reich die erste und wichtigste Assoziation. The Reader, geschrieben von Berhard Schlink, nun verfilmt von Stephen Daldry, behandelt dieses Thema, aber noch einiges mehr.

Eigentlich müsste die Geschichte schon hinlänglich bekannt sein, sei es durch den internationalen Erfolg des Buches oder dessen Behandlung im Deutschunterricht. Dennoch hier eine kurze Skizze: Michael Berg, 15, trifft eines Tages zufällig die 36-jährige Hanna Schmitz und sie gehen eine Beziehung ein. Schon bald entsteht bei ihnen eine Art Ritual, welches das Vorlesen verschiedenster Bücher von Michael an Hanna beinhaltet. Michael lässt alles bei Seite und widmet sich ausschließlich Hanna, obwohl er auch andere gleichaltrige Mädchen trifft. Eines Tages ist Hanna verschwunden. Das nächste Mal das Michael sie sieht ist als Jura Student in einer Gerichtsverhandlung. Ihr wird vorgeworfen als KZ-Aufseherin hunderte von Menschenleben auf dem Gewissen zu haben. Michael hätte ein urteilmilderndes Argument in der Hand (Hannas Analphabetismus), ist aber unentschlossen es auszusprechen.

Stephen Daldry hält sich ziemlich nah an der Buchvorlage, weshalb sich auch keinerlei großartigen Überraschungen erkenntlich machen. Die Geschichte wird solide aus Michaels Perspektive erzählt, wird mit ein paar Flashforwards ausgeschmückt und etwas reduziert, um nicht den Rahmen zu sprengen. Diese Reduktion wird schnell in der Beziehung von Michael und einem Vater bemerkbar. Im Buch wird sie viel näher beleuchtet, im Film hingegen werden dem Vater nur zwei Szenen gewidmet, viel zu wenig, um ihn angemessen in die Geschichte einzuspannen. Des Weiteren werden kleinere Dinge ausgelassen oder ohne Erklärung präsentiert, was nicht viel ausmacht, jedoch im Hinblick auf die Differenziertheit wünschenswert gewesen wäre. The Reader konzentriert sich viel mehr auf die Beziehung zwischen Hanna und Michael, auch wenn die feineren Aspekte der Beziehung nur ansatzweise abgehandelt werden. Die Schuld ist immer der wichtigste Hintergrundgedanke, den man ab Beginn des zweiten Drittels stets spürt.

Die Schuld wird auf Hanna geladen, die wunderbar von Kate Winslet gespielt wird. Die Maske zum Ende hin wirkt etwas zu aufgesetzt, aber dennoch: Sie versetzt sich wirklich in die Rolle hinein und gibt eine glaubhafte Leistung ab. Ob der Oscar verdient gewesen ist, ist jedoch eine ganz andere Sache. David Kross hingegen sieht etwas blass aus gegen Winslet, so ist er nicht wirklich der Rede wert, auch wenn er sich sichtlich Mühe gibt. Immerhin hat er es so schnell geschafft so nah neben einer so einer exzellenten Schauspielerin zu stehen, was einige neidische Blicke hervorgebracht haben sollte. Ralph Fiennes stellt widerum auch kein wirklich Highlight dar und mimt auf normalem Niveau die ältere Version von Michael.

Daldry hat eigentlich nichts falsch gemacht, indem er eine beinah exakte Filmversion des Buches geschaffen hat, aber genau da liegt auch das kleine, große Problem für mich. Er gibt genau das vor, was das Buch auch anspricht und bringt nichts eigenes mit ein. Ich hätte mir schon seine eigene Handschrift gewünscht und nicht die von Schlink. Ein kleiner Wermutstropfen ist auch der deutsche Akzent, den die britischen Schauspieler annehmen mussten, um deutscher zu wirken. Da fragt man sich doch, ob man die beiden Rollen nicht gleich mit deutschen Schauspielern hätte besetzen können, damit ein komplett deutscher Cast entsteht. Um ehrlich zu sein hätte mich der Film dann aber um einiges weniger interessiert. So kann man sich nichtsdestotrotz an Fiennes und besonders an Winslet erfreuen, macht die Letztere doch einen großen Qualitätsschub fest.
Am Ende jedoch bleiben die Fragen am Zuschauer hängen. The Reader, das Buch so wie der Film, verfügt über keinen Biss und versucht sich nicht an mögliche Antworten. Hat sich Hanna mit ihrem Handeln schuldig gemacht? Hat es Michael? Spielt der Analphabetismus eine Rolle? Wird eine Schullektüre jemals ansprechend verfilmt werden?

_____[ * * ½ . . ]_____

7 Gedanken zu “Unlock The „Mystery“

  1. „Am Ende jedoch bleiben – wie schon im Buch – die Fragen am Zuschauer hängen.“ — „Die Schuldfragen schweben immernoch im Raum und müssen von jedem selbst beantwortet werden.“

    Ist das nicht aber auch der Sinn und Zweck der Sache und große Stärke des Romans/Films?

  2. Als „große Stärke“ würde ichs nicht gerade bezeichnen. Das blöde ist einfach, dass ich jedes einzelne Buch, das wir in der Schule behandelt haben nicht wirklich mag, da jedes einen bitteren Nachgeschmack bei mir hinterlassen hat, auch, wenn es noch eins der besten Bücher gewesen ist.
    Also stör dich nicht daran, dass ich gerade das kritisiere…ich weiß, meine Argumentation ist nicht gerade berauschend, viel mehr ist es das Gefühl, das ich dann beim Film hatte.

  3. zitat: Ein kleiner Wermutstropfen ist auch der deutsche Akzent, den die britischen Schauspieler annehmen mussten, um deutscher zu wirken. Da fragt man sich doch, ob man die beiden Rollen nicht gleich mit deutschen Schauspielern hätte besetzen können, damit ein komplett deutscher Cast entsteht. Um ehrlich zu sein hätte mich der Film dann aber um einiges weniger interessiert.

    wiederspricht sich der/ die Kritkier/In da nicht sehr?? einerseits ist der „fake“ akzent nicht gut andererseits hätte ihn/sie der Film nicht interessiert wenn kein internationaler cast dabei gewesen währe. wobei gerade bei einem Stoff wie diesem die Geschicht im Vordergrund stehen müsste und nicht die Gesichter auf dem Filmplakat!!

  4. Kann schon sein, dass man nicht nur nach Stars gehen sollte, aber 1. Ich mag generell keine deutschen Filme, 2. hab ich halt präferenzen, wenns um Filme geht, insbesondere wer halt in diesen Filmen mitspielt. Ich würd mir ja auf keinen Fall einen Film angucken, der sich mit Nachkriegsdeutschland beschäftigt und Steven Segal als großen Headliner präsentiert. Wenn überhaupt nur um beim Film was zu lachen zu haben. ^^

  5. ok das mit den deutschen Filmen kann ich verstehen obwohl ich „das Leben der Anderen“ sehr gut finde!!

    Steven Segal in einem Nachkriegsfilm???? Also interessieren würd mich das schon😉

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