M auf dem Weg zum Bahnhof

Als M sich von der Haustür seiner zukünftigen Bleibe entfernte und er den Blick gen Himmel richtete, wusste er, dass die Heimfahrt wieder einmal eine höllisch heiße sein würde. Die Sonne schien unerbitterlich auf sein Haupt und auf die Autos, dessen Scheiben die Strahlen böse in die müden Augen zurückreflektierten. Die Wärme umhüllte Ms Körper wie eine Winterjacke. Der triebhafte Wunsch entsprang einfach oben ohne oder gar halbnackt die Straßen entlang zu gehen. Der Gedanke, die kurze Hose wiege unendlich schwer, wich dem eilendem Blick nach links, als M die Straßenbahn erblickte, die er nur durch Mühe noch erreichte, um mit ihr Richtung Hauptbahnhof zu fahren. Die Straßenbahn, glücklicherweise nicht ganz gefüllt, war vergleichsweise etwas kühler als zu manch anderen Zeiten, besaß aber gerade bei dieser Fahrt das Talent die unmöglichsten Personen zu befördern. M setzte sich auf einen Platz hin, sein schwerer Rucksack neben sich gelegt, den Blick aus dem Fenster. Leute beobachten war schon immer seine kleine Lieblingsbeschäftigung. Hinter ihm gesellte sich ein Osteuropäer, vielleicht um die 20 Jahre alt; auf einem anderen Nachbarplatz setzte sich ein Obdachloser hin, die Bierflasche in der linken Hand. Zunächst geschah nichts, M konzentrierte sich eher auf die äußere Stadtlandschaft. Dann mahnte auf einmal eine Frau jemanden doch die Zigarette auszumachen, denn dies sei in den Straßenbahnen – natürlich rechtmäßig – verboten. Der Raucher stellte sich als der Osteuropäer heraus, den M jetzt mit einem Blick nach hinten erblickte. Entschuldigend wendete – nennen wir ihn R – R sich an die nahestehenden Menschen und schmiss die Zigarette aus dem Fenster. Alles okey. Dann aber hatte R ein Bedürfnis jeden nach dem Weg zu fragen. Entnervt wichen viele Nahestehenden seinen Blick aus, eine etwas gewichtigere Frau antwortete harsch mit: ,,Ich weiß es nicht. Und ich möchte auch nicht mit dir sprechen“. Nebenbei stellte sich der Obdachlose – einfachheitshalber O – als Fachmann für die Straßenbahnlinien heraus. Er zählte die nächsten Stationen auf und erklärte sich selbst wo und wie man wohin kommt. Etwas zu viel wurde es M, als O, der generell auf einem hohen Pegel sprach, seine Stimme weiter hob. Ms Blick erwachte, er träumte nicht weiter vor sich hin und konzentrierte sich auf das Geschehen im Straßenbahnabteil. Hinter ihm fing R wieder an Leute – ja, man könnte es so nennen – zu belästigen. Eine Postbotin fragte er, ob sie nicht auch Reklame hätte. Die angesprochene Frau antwortet zunächst nicht, gab aber nach einem erneuten Nachfragen von R ein ,,Nein“ von sich. Etwas zornig setzte sich R, der für die Fragerei extra nah an die Menschen ging, wieder hin. Die schon etwas angespannte Atmosphäre implodierte mit einem Kommantar des R: ,,Blöde Kuh“. Wer von den übrigen Passagieren zuvor noch nicht hingeschaut hatte, hat es jetzt getan. Provozierend machte R immer weiter, indem er sein Vokabular schärfte, die ,,Kuh“ mit einer ,,Ziege“ tauschte und danach auf andere Beleidigungen umstieg. Im gleichen Zeitpunkt wurde auch O ein klein wenig lauter. M hielt noch inne, aber stets bereit doch schnell aufzustehen und Abstand von den zwei verkorksten Wesen zu nehmen. Obwohl keinerlei inhaltlicher Zusammenhang zwischen den beiden Personen und dem was sie sagten bestand, fühlte sich R aus unerklärlichen Gründen von O angesprochen. Als R dann wieder aufstand, die Stimme fast schon brüllend erhob, wollte M wirklich nicht mehr im physisch gefährlichem Raum beider Personen stehen und floh in das nächste Abteil, wo er sich hinstellte, mit dem wachen Blick nach rechts, wo sich die beiden Krachmacher nun direkt anmachten und sich fast schreiend beleidigten. Es dauerte nicht lange bis M endlich aussteigen konnte, nur noch eine Station. R jedoch stieg jetzt schon aus. Auf dem Höhepunkt seiner perfiden Beleidigungslust spuckte er O an und entfernte sich nach draußen, zeitgleich aber nicht aufhörte weiter zu fluchen. O hingegen stand – seit Beginn der Auseinandersetzung –  immernoch aufrecht, tat seinen Ärger lautstark kund und hatte auch nicht den Anschein so schnell wieder aufzuhören. M hingegen war einfach nur froh als die nette Frauenstimme aus den Lautsprechern die nächste Haltestelle ankündigte, den Hauptbahnhof. Ein paar Momente später stieg M schnell aus, wollte nicht mehr ansatzweise mit dem Geschehen in der Bahn zu tun haben. Aus der Straßenbahn ausgestiegen, wurde ihm wieder etwas warm. Er versuchte eilig zu den Treppen zu gelangen, aber die Menschenmasse ließ es – wie jedes Mal – nicht zu. Zu viele Menschen. So sehr M es mochte diese zu beobachten, sich selbst in der Masse fortzubewegen, das mochte M widerum wirklich nicht.

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6 Gedanken zu “M auf dem Weg zum Bahnhof

  1. Ob M. daraus irgendwelche Schlüsse ziehen wird? Ob diese Schlüsse auch noch irgendeine Auswirkung auf Ms Beobachtungen haben werden?
    U. hofft: neeeeeeeein, weil U. hat seit langer Zeit mal wieder eine schöne Alltagsbeobachtung vors Auge bekommen.

    (Und jetzt heißt es, den ganz bestimmt versteckten Code der abgekürzten Namen zu entschlüsseln. Gaaaanz bestimmt sogar.)

  2. Hehe, eigentlich wollte ich ja auf deine Affinität für Analysen von Menschen anspielen, die ich durch meine kleine ,,Analyse“ entdeckt habe. 😉 Rufmord möchte ich wirklich nicht begehen 😀

  3. schöne kleine Geschichte, du hast wirklich Spannung zum Ende aufgebaut! hoffe da kommt bald mehr von dieser sorte 🙂
    hast du das eigentlich spontan geschrieben?

    p.s.: „M setzte sich auf einen Platz hin, seine schwerer Rucksack neben sich gelegt, den Blick aus dem Fenster. “
    ein kleiner kleiner fehler

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